Amir Asadi

Über mich:

Mein Name ist Amir Asadi, im Iran geboren, und ich bin Musiker und Elektroingenieur. Mit neun Jahren begann ich meine musikalische Reise, indem ich das volkstümliche Dotar und das traditionelle iranische Setar erlernte. Die Entdeckung der Tar folgte, und im Alter von 19 Jahren registrierte ich meine erste Erfindung im Bereich der Elektronik im Iran. Zwei weitere Innovationen sollten meinen Weg markieren. 

Parallel zu meinem Elektrotechnikstudium vertiefte ich mich fast vier Jahre lang in Musikharmonie und Form. Mein musikalisches Verständnis führte dazu, dass ich vier Bände über meinen Ansatz im Setar-Spiel schrieb, wovon der erste veröffentlicht wurde. Im Jahr 2018 zog es mich nach Deutschland, wo ich meine künstlerische Vision weiterentwickelte. 

In Deutschland angekommen, komponierte ich vielfältige Musikstücke, die Setar, E-Gitarre und elektronische Musik. Diese Werke fanden sogar ihren Platz auf BBC NEWS. In Rostock habe ich drei Alben und zahlreiche Single-Tracks aufgenommen. Zusätzlich zu meiner künstlerischen Karriere erfüllte ich mir den Traum, als Ingenieur bei Nordex im Bereich erneuerbare Energien tätig zu sein. 

Ein besonderes Anliegen ist mir die Teilnahme an weltweiten Musikfestivals in Deutschland. Dabei reizt mich besonders die Möglichkeit, mit deutschen Musikern die kulturellen Schätze meines Volkes und traditionelle Melodien auf innovative Weise zu kombinieren. 

Originaltext

Übersetzung

Reza war während seiner Nachtschicht tief in einem Schmelztopf versunken, um die Ölleitungen zur Schaltung des Getriebegehäuses zu schweißen. Während der unvollständige Riesenkegel Reza in absolute Dunkelheit tauchte, rief Ahmad, die grünen Motoren der Kranzüge übertönend: „Agha1 Reza! Agha Reza!“

Reza schaute, nach der Stimme suchend, zum Fuß des kegeligen Haltepfostens, sah jedoch nichts außer Dunkelheit. Er nahm seine Schweißerbrille ab und schon formte das Licht ein Dreieck, in dem eine Hälfte seines Körpers zu sehen war.

Ahmad rief von oben auf das Gehäuse hinunter, das Reza einschloss: „Die Pause hat angefangen!“

Reza war dem Ruf auf der Spur und schaute nach oben. Sein Gesicht leuchtete wie das vom Heiligen Sankt Augustinus, er fand die Aluminium-Treppe und als er oben ankam, verschlangen ihn die Schatten der Deckenkräne für Sekunden und gaben ihn wieder frei. Reza legte seine Schweißerhandschuhe neben die Treppe, wischte sich den Schweiß von Augen und Mund und ließ die Kühle des Fabrikkorridors und der Neonlichter langsam hinter sich.

Ahmad rief lauter: „Agha Reza, so beeil dich doch!“

Diesmal unterbrach das Knacken des elektrischen Schraubendrehers die Verbindung zwischen Ahmad und Reza.

Rezas Blick blieb auf den Boden der Halle gerichtet, wo er beobachtete, wie die Bewegung der Deckenkräne das Licht im Raum an-und ausknipste, bis die beiden Männer die dunkle Höhle schließlich verließen und den Speisesaal betraten.

Hier wies man Reza einen Platz am Tisch von Thomas und Abbas zu, nahe der Küche.

Abbas sagte zu Reza: „Ich habe von Ahmad gehört, du kennst jemanden, der Leute von der Türkei aus nach Deutschland schmuggeln kann.“

Rezas Augen waren noch blauer als zuvor, sie verschwammen in Abbas‘ Arbeitskleidung, in seinem blauen Overall und soweit das Auge reichte, gab es nur das Meer.

Abbas sagte: „Dazu muss man natürlich eine Vertrauensperson und zuverlässige Leute finden. Hast du überhaupt gehört, was ich gesagt habe? Vergiss das alles! Letzte Woche erzähltest du davon, wie du aus dem Iran in die Türkei gekommen und mit mehreren Familien durch den Wald geirrt bist und niemand nach euch gesucht hat!“

Reza holte tief Luft im Speisesaal und sagte: „Es stimmt, niemand kam! Aber in dem dunklen Wald ritten an dem Abend zwei Schlepper auf ihren Maultieren auf uns zu, hatten eine Laterne und eine Taschenlampe dabei! Einer der beiden brüllte: ‚Hizel! Hizel! Gal! Gal!‘2

Reza hatte Ghaugha beruhigt, sie solle keine Angst haben! „Ich verstehe ein bisschen Türkisch.“

Der Schlepper wiederholte: „Hizel! Hizel!“

Ghaugha hatte panische Angst und auch Reza sprang mit weichen Knien zwischen den Bäumen hin und her, dem Licht der Taschenlampe folgend.

Einer der Schlepper bog auf einen Nebenweg ab und für Sekunden waren Ghaugha und Reza orientierungslos. Der Mann mit der Laterne, seine Gestalt von den Bäumen verdeckt, in seinem Gesicht nur zwei schwarze Augen und Augenbrauen zu erkennen, der Rest hinter einem karierten Schal verborgen, hielt seine Laterne dicht an Rezas Gesicht und sagte: „Tempo! Tempo!“

Die Laterne in Rezas Hand erlosch, und die Nacht floss aus Ghaughas Haaren. Abbas fragte: „Reza, wie viele Tage wart ihr auf See? Was habt ihr in der Zeit gegessen? Zu wievielt wart ihr?“

Wieder holte Reza tief Luft und antwortete: „Von dem Moment an, als der Schlepper „Tempo! Tempo!“ gerufen hat und wir auf das Boot gestiegen sind, erinnere ich mich an nichts mehr. Aber wir waren über eine Woche auf See! Zusammen mit ein paar Familien, ein paar jungen Männern und einem alten Boot.

„Entschuldige, Abbas, du isst gerade. Aber ich erwähne jetzt trotzdem, dass ein Mann mittleren Alters sich in den ersten Stunden heftig erbrochen hat, auf sich und auf die Hosen der Leute in seiner Nähe

„Sie haben den letzten Happen, den sie im Nahen Osten gegessen hatten, hervorgewürgt“, scherzte Abbas.

Reza fuhr sich mit seinen schlanken Fingern übers Gesicht und atmete wieder tief ein, um seine zugeschnürte Kehle zu weiten. Die Kanagawa-Welle3 aus Hokusais Gemälde hatte das Boot fast zum Kentern gebracht. Das Meer war verrückt geworden. Boot und Welle überrollten einander, wie Ringer oder Boxer im Kampf gegeneinander. Jetzt erbrachen alle gemeinsam ihr letztes, im Nahen Osten gegessenes Essen. Die meisten erbrachen sich auf ihre Hände, wenige auf das Glitzern der Lichter auf dem weiten Meer. Unterdessen drehte das Boot sich immerfort unkontrolliert im Kreis! Ziellos im Kreis!

Der Mann, der neben Ghaugha saß, weinte laut und eine Frau sprach laut Arabisch. Überall war Wasser, alles war Wasser und jeder war mit seinen Gedanken und seinen Geheimnissen allein. Ghaugha spürte Rezas Arme fest um sich und wusste, dass er noch auf dem Boot war. Dieselben Arme, dieselben Hände wie an dem Tag ihres Rendezvous in einem Olivenhain, wo in den Hügeln ringsum zugleich Tausende von Menschen begraben lagen. Der Olivenhain nahe Roudbar, in dem Reza ihr damals, als der Wind sich in ihren Haaren verfing, seine Liebe gestand. Ghaugha und Reza hatten beide die schreckliche Nacht des Mandjil-Roudbar-Erdbebens überlebt. Reza hatte das Dorf seiner Eltern nie wieder gesehen, es war nach dem Erdbeben nicht wieder aufgebaut worden. Als hätte es nie existiert.

Der Bootsführer mit rauen Gesichtszügen und einem breiten Oberlippenbart sagte: „Jetzt ist die See ruhig, esst jetzt was, denn sobald das Meer wieder stürmt, wird der Hunger euch nicht verschonen!“

Da niemand auf seine Worte reagierte, deutete er mit Gesten an, dass alle etwas essen sollten.

Abbas unterbrach ihn: „Reza, die Pause ist um! Ich muss gehen.“

Rezas Gesicht war zur Hälfte rot vom Schein des roten Warnlichts am riesigen Kran hinterm Fenster des Speisesaals.

Ghaugha streichelte Rezas Gesicht und in Rezas Augen spiegelte sich das schillernde Meer. Seine Hände waren klamm und seine Beine zitterten. Angst und Schrecken hatten das Boot im Griff. Trotzdem ging das Leben weiter und jeder aß das, was vom Vortag noch übrig war. Reza griff nach seinem Rucksack. Der enthielt nur noch Vertrocknetes, das er seit Tagen nicht mehr berührt hatte.

Er entnahm dem Rucksack ein Stück Brot und die letzte Dose Kichererbsen und aß gemeinsam mit Ghaugha. Für einen Augenblick hatte das Leben auf ein paar Quadratmetern Holz und Plastikrohren Sinn.

Wer nichts mehr zu essen hatte, bat um Hilfe. Ein großer, schlanker junger Mann griff Reza an und riss ihm ein Stück Brot aus der Hand. Ghaugha schrie auf. Reza, seine Beine noch immer schwach, machte sich kampfbereit. Der Mann griff ihn erneut an, riss Rezas Rucksack an sich und durchwühlte ihn.

Der Bootsführer drohte dem jungen Mann in einer allen unbekannten Sprache. Als der Angreifer nicht fündig wurde, griff er den Mann mittleren Alters an, der neben Ghaugha saß und nun mischten sich weitere Passagiere in den Kampf um Essen ein. Zwei Männer schlugen einander ins Gesicht und schrieen in zwei verschiedenen Sprachen aufeinander ein. Um das Boot herum tobte im Meer ein Sturm und plötzlich blitzte die Klinge des Messers, das der Bootsführer gezückt hatte, auf und erhellte das Gesicht des schlanken jungen Mannes. Der grobschlächtige Bootsmann stieß sein Messer in die Schulter des Unruhestifters, beförderte ihn mit einem Tritt ins Wasser und bedrohte die übrigen Passagiere mit der bluttriefenden Klinge.

Überall war Wasser. Die Angst kroch Reza unter die Haut. Vom schlanken jungen Mann war nichts mehr zu sehen. Bis auf ein paar Tropfen seines noch warmen Bluts, das vom Messer des grobschlächtigen Mannes tropfte. Mit dem Stück Brot, das er Reza entwendet hatte, war er im dunklen Wasser versunken, war dem Herzen des Meeres anvertraut worden. Das Meer hatte ihm zwar nicht die Chance gegeben, vor Schmerzen zu weinen. Doch es hatte ihm ein neues Zuhause geschenkt, inmitten aller Meerestiere und Korallen.

Reza weinte laut, er vergoss bittere, vom Geruch des Meeres durchtränkte Tränen und er schrie den Bootsführer an: „Warum hast du ihn ermordet? Wieso?!“

Der schlanke, groß gewachsene Mann mit der gespaltenen Schulter war, wie das Dorf von Reza, verschwunden. Er ist verschwunden. Ghaugha und Reza umarmten einander innig. Nur Hände konnten retten. Nur, indem man Hände drückte, konnte man durchhalten. In der Ferne schienen dunkle und dunkelbraune Flecken von Landmasse aufzutauchen.

Als sie endlich das Ufer erreichten, hörten sie Wasser auf Felsen und Steine prallen, hörten Worte in unbekannten Sprachen und sahen Hunderte orangefarbene Rettungswesten, was hieß, sie waren noch immer am Leben.

Reza und Ghaugha kletterten über ein paar niedrige Felsen ans Ufer. Reza konnte nicht vom Meer ablassen. Unweit vom Strand lag ein Wassermelonenfeld, in dem die einen allein, andere mit ihren Familien saßen und aßen.

Seit jener Nacht war Rezas Kehle so stark angeschwollen, dass sie ihm den Atem nahm und er hatte so lange aufs Meer geschaut, dass seine Augen blauer und blauer wurden.

[1]  Persisch für: Herr.
[2] Türkisch für: Schnell! Schnell! Komm! Komm!
[3] Die Große Welle vor Kanagawa, auch bekannt als Die Welle, ist ein berühmter japanischer Druck, der 1830 vom Künstler Katsushika Hokusai geschaffen wurde. Dieses ikonische Werk ist eines der berühmtesten in der Geschichte der japanischen Kunst und weltweit für seine Schönheit und Kunst bekannt Ausdruck.


Aus dem Persischen übersetzt von Ali Abdollahi.