Anton Kalnitska

Über mich:

Ich heiße Anton Kalnitska und bin am 09. Juni 1992 in der Ukraine in Donetzk geboren. Ich habe Ingenieur gelernt und auch als einer gearbeitet. Nach Deutschland gekommen bin ich am 24. April 2022. Meine Muttersprachen sind Russisch und Ukrainisch, aber ich spreche auch ein bisschen Deutsch und Englisch. Mein größter Wunsch ist es, als Ingenieur in Deutschland arbeiten zu können. 

Originaltexte

Chancen
gibt es im Leben.
Sonne, Meer, Mond – frische Luft.
Atmen.

Anton Kalnitska

Guten Tag, werte Leser! Wir möchten mit euch unsere Geschichte teilen. Wir, Juliia und Anton, Bürger der Ukraine. Wir lebten seit unserer Geburt in der wunderschönen florierenden Industriestadt Donezk und gehörten zu den Menschen, die von einer wunderbaren Zukunft in unsere Heimat geträumt haben. Aber leider stimmten unsere Pläne nicht mit der Realität ein. Unser Leben wurde völlig auf den Kopf gestellt…

Im Jahr 2014 haben wir unser Studium abgeschlossen, Pläne geschmiedet und eine Familie gegründet: Am 22.04.2014 haben wir Hochzeit gefeiert. Als wir das alles planten, ahnten wir nicht, dass einige Tage vorher, am 14. April die sogenannte „Anti-Terror Operation – ATO“ beginnen würde, in unserer Stadt begann der Krieg, der später den Namen „Krieg im Donbas“ erhielt.

Mit jedem Tag gewann der Krieg an Dynamik. Der Beschuss wurde immer häufiger, kam näher, wurde stärker. Das florierende ukrainische Donezk verwandelte sich in die „Volksrepublik Donezk“, die Blockade wurde verhängt. Aus den Regalen verschwanden allmählich ukrainische Produkte, die für eine normale menschliche Existenz notwendig waren, die Griwna wurde durch den Rubel ersetzt. Stadtbewohner hatten keine Möglichkeit, ukrainische Dokumente (Pässe, Schul- und Studienabschlüsse) zu erhalten.

Das Chaos begann. Menschen verloren ihren Job und erhielten jahrelang kein Gehalt. Betriebe und Fabriken wurden geschlossen. Kompetente Fachkräfte verließen in Eile die Stadt, um in das von der Ukraine kontrollierte Gebiet auszureisen. Der Verfall in der Stadt begann in allen Bereichen der Wissenschaft, einschließlich der Medizin. Niemand fühlte sich sicher. Bewaffnete Guerillas zogen durch die Straßen und nahmen den Menschen ihre Transportmittel weg. Überall wurden Kontrollpunkte gebaut.

Das Leben dort wurde immer schwieriger und der Gedanke an einen Umzug ließ uns nicht los. 2017 wurde unser Kind geboren. 2019 beschlossen wir zu gehen. Unsere Wahl fiel auf die Industriestadt Mariupol, denn ich bekam von dort ein Stellenangebot im Hüttenwerk „Azowstahl“. Aufgrund meiner 12-jährigen Berufserfahrung, unter anderem bei der Aufrechterhaltung technologischer Prozesse während des Krieges, war ich für die Leitung des Werkes interessant. Mir wurde ein ordentliches Gehalt, ein guter Posten und die Übernahme der Mietkosten angeboten. Ein neues glückliches Privatleben begann.

Wir schmiedeten wieder Zukunftspläne. Bis zum 24.Februar 2022, 5 Uhr. An diesem Tag, zu dieser Stunde zerstörte der Krieg all unsere Pläne. Die friedliche, ruhige Stadt verwandelte sich über Nacht in eine Frontlinie. Bis zum Morgen hatte sich die Stadt mit Militär gefüllt. Sirenen ertönten. Mariupol war vollständig umzingelt. Alle Ausgangswege wurden vermint und gesperrt. Bewohner von Mariupol wurden zu Geiseln. Chaos, Gesetzlosigkeit und Plünderungen begannen. Rettungsdienste fehlten völlig. Krankenwagen und Polizei stellten ihre Aktivitäten ein.
In der ganzen Stadt hatten nur zwei Geschäfte geöffnet, die für etwa fünf Tage Waren hatten. Gas- und Wasserleitungen wurden vollständig abgeschnitten. Nach ein paar Tagen ging schließlich das Licht aus und die Verbindung zur Außenwelt wurde gekappt.

Wir hatten schon einmal Krieg erlebt. Wir konnten den Ernst der Lage einschätzen. Deshalb wussten wir genau, was zu tun war. Wir fingen an, nach einem Unterschlupf zu suchen, und beschlossen, uns im Keller der Schule zu verstecken. Alle Luftschutzbunker waren überfüllt. Jeden Tag kamen neue Leute in den Keller.

Solange wir die Möglichkeit hatten, rauszugehen, wechselten wir uns ab und transportierten alle unsere Vorräte von den Häusern in den Keller. Zu dem Zeitpunkt gab es in der Stadt weder Geschäfte noch Apotheken mehr. Alle waren zerstört und geplündert worden. Später haben wir nach den Regeln gehandelt, die wir gemeinsam aufgestellt haben: Wir besorgten Brennholz, schmolzen Schnee, kochten Essen über dem Feuer. Wenn der Beschuss nachließ, gingen wir für ein paar Minuten an die frische Luft, in kleinen Gruppen.

Aber es wurde unmöglich, draußen zu bleiben. Auf den Straßen lagen Leichen. Die Stadt brannte. Nachts war es hell von den Bränden in den Häusern, es roch nach Krieg, nach Schießpulver. Tag und Nacht versank alles in Rauch, alles war grau. Manchmal kamen Leute vorbei und brachten die Information, dass es eine Möglichkeit gäbe, die Stadt zu verlassen, aber wir haben es nicht riskiert. Wir warteten darauf, dass das Blutbad nachließ.

Doch der Ring der Militäraktionen wurde immer enger und die Kämpfe immer schwerer. Tagsüber bombardierte uns die Infanterie, nachts die Luftwaffe. Unsere Vorräte gingen zur Neige. Da wir mitten im militärischen Geschehen lebten, beschlossen wir gemeinsam, die Stadt um jeden Preis zu verlassen. Essen und Wasser gingen aus. Als wir den Keller verließen, sahen wir die Hölle auf Erden. Alles um uns herum hatte sich in Asche verwandelt. Alle Gebäude waren zerstört und niedergebrannt. Auch unsere Schule war teilweise zerstört.

Wir machten einen Evakuierungsplan, basierend auf den Erzählungen der Menschen, die von draußen kamen. Es war unmöglich, sich lautlos zu bewegen. Alle Straßen waren mit Glas, Hausresten und Munition übersät. Wir sind vier Stunden bis zum Stadtausgang gelaufen. Als wir uns dem Stadtrand näherten, sahen wir noch ganze Häuser, Autos und Menschen auf den Straßen.

Dort versuchten wir, ein Auto zu finden, um in die nächstgelegene Stadt Manhusch zu gelangen. Zu diesem Zeitpunkt war die Stadt schon von Russland besetzt und es gab dort keine militärischen Operationen. Dort wurde uns eine Evakuierung nach Rostow am Don oder nach Donezk angeboten.

Und nun waren wir wieder in unsere Heimatstadt. Als wir sie sahen, erkannten wir sie nicht wieder. Sie hatte sich in drei Jahren sehr verändert. Es war eine Stadt der Frauen, alten Menschen und Kinder. Alle Männer waren gewaltsam an die Front geholt worden. Es gab absolut keine Wasserversorgung, alle Straßen waren zerstört.

Wir verbrachten einige Tage in Donezk. Wir kauften die nötigen Sachen, denn nach 20 Tagen im Keller waren uns nur unsere Dokumente geblieben. Wir beschlossen, unser Leben radikal zu ändern und nach Deutschland zu ziehen. Der Weg nach Deutschland dauerte sieben Tage. Wir sind aus eigener Kraft durch Russland, Estland, Lettland, Litauen und Polen gereist.

Und dann waren wir in Berlin. Nach der Ankunft in Tegel wurden wir nach Hamburg geschickt, um notwendige Papiere zu bekommen. Drei Tage später wurden wir in die Stadt Sassnitz auf der Insel Rügen geschickt, wo wir bis heute leben.

Heute wohnen wir in einer Wohnung, besuchen den Sprachkurs und beziehen Sozialhilfe von Ihrem Land. Wir wollen unbedingt Ihre Sprache lernen und sie auf einem angemessenen Niveau beherrschen, damit wir unabhängige und nützliche Mitglieder der Gesellschaft sein können.

Vielen Dank an Ihr wunderschönes Land, das uns die Sicherheit und den Glauben an die Zukunft wieder gegeben hat.

Juliia und Anton