Fatema Joumaa

Über mich:

Ich bin Fatema Jumaa und komme aus Syrien, aus Palmyra. Ich bin am 06.04.1966 geboren. Ich habe Biochemie studiert und habe als Lehrerin gearbeitet.
Ich lebe seit vier Jahren in Deutschland. Ich wohne in Stralsund Meine Muttersprache ist Arabisch und ich kann ein bisschen Englisch und Deutsch sprechen.
Ich wünsche mir, dass alle Menschen in Freiheit leben. Ich hoffe, dass ein faires Miteinander eine Alternative zum Krieg sein wird.

Briefwechsel:

Fatema Joumaa – Jutta Schmidt

Originaltext

Übersetzung

Heute schreibe ich wieder und kehre so zum ersten Mal seit Jahren zurück zu jenem geheimen Ort, an dem ich Zuflucht finde vor den Zumutungen des Lebens.
Ich habe heute so endlos viel geweint, wie ich wollte. Geweint habe ich um meine Mutter, die vor zwei Jahren in der Ferne gestorben ist. Eine Tränenflut hat das Chaos aus Erinnerungen mit sich gerissen.
Von was schreibe ich! Das Gedächtnis ist ein Regal voller alter und neuer Papiere. Auf dem obersten Regal findet sich ein Papier, aus dem noch Rauch aufsteigt. Fangen wir also an mit der Geschichte.
Nachdem der IS Mitte Mai meine Stadt Palmyra gestürmt hatte, gelang es uns, zehn Tage später in Richtung Damaskus zu fliehen. In dem Auto mit fünf Sitzen saßen neun Menschen. Im Gepäck nur unsere Kleidung und die Papiere.
Nach drei Monaten waren unsere Ersparnisse aufgebraucht, der Mangel wurde immer größer. Das Ende der Schulferien rückte näher, der Winter nahte, unsere dünne, blasse Sommerkleidung war ausgewaschen und abgetragen, ganz zu schweigen von unserem alten Damaszener Haus, das für Menschen kaum mehr bewohnbar war, dessen Miete wir uns aber gerade noch leisten konnten. Geschäfte betrieben wir nur mit Ratten, Mäusen und anderen seltsamen Wesen, die in solchen Ruinen zu überleben verstehen.
Wir hörten, dass immer mehr Frauen und ältere Männer zurück in ihre alten Häuser fuhren, um ihren Besitz zu retten. Also schlug auch ich vor, zurückzufahren. Die Familie lehnte den Vorschlag jedoch ab, die Situation sei einfach zu unsicher. Da rief mich eine Freundin an und machte mir Mut, sich gemeinsam mit ihr auf den Weg zu machen. Also beschloss ich, die Reise anzutreten.
Wir befanden uns in einem Bus voller Passagiere, Frauen, Männer und ein paar Kinder, die ihre Mütter begleiteten. Natürlich waren wir ganz in schwarze Schleier gehüllt und konnten durch die drei Schichten vor unserem Gesicht kaum etwas erkennen.
Die Angst ging mit uns auf die Reise und spitzte sich zu, als wir uns dem ersten Checkpoint näherten. Jetzt half kein Bereuen mehr. Sie kontrollierten die Ausweise und glichen die Namen mit ihren Suchlisten ab. Eine der Mitreisenden hatten sie im Verdacht, nahmen sie eine Weile mit, brachten sie dann aber unversehrt wieder zurück.
Den letzten Checkpoint vor der Stadt überquerten wir um drei Uhr nachmittags. Normalerweise hätte eine solche Fahrt höchstens drei Stunden gedauert, jetzt waren sieben schreckliche Stunden vergangen.
Unsere Wege trennten sich und wir gingen jeweils zu den Häusern unserer Familien. Diese erste Nacht war für mich die längste im August. Das Wetter war heiß, es war völlig dunkel, und die Stadt des Todes lag mitten in der Wüste. Kein menschliches Flüstern war vernehmbar, man hörte nur die Stromgeneratoren, die durch die Nacht heulten.
Am Morgen fuhr mich mein Bruder mit dem Auto zu meinem Haus, wir vereinbarten, dass ich alles packen und dass er mit einem Lastwagen wiederkommen würde, um mir beim Tragen zu helfen.
Dass Haus fand ich genau so vor, wie ich es verlassen hatte. Nur einige Fenster waren zerbrochen, getroffen von Granatsplittern aus den Fassbomben, die das Regime aus Flugzeugen auf die Stadt abgeworfen hatte. Ich versammelte einige Gegenstände, Gasflaschen, unsere Winterkleidung, einige Elektrogeräte usw. Als ich die über den Teppich verstreuten Glasscherben mit einem Handbesen auffegte, flog mir ein kleiner Splitter ins Auge. Oh Gott, ich will auf keinen Fall in dem vom IS kontrollierten Krankenhaus landen. Was sollte ich jetzt tun? Ich erstarrte kurz, dann nahm ich allen Mut zusammen, griff mir mit zwei Fingern ins Auge, packte den Splitter und zog ihn heraus. Aus Angst schloss ich die Augen für eine Weile und öffnete sie dann vorsichtig wieder. Der Eingriff war erfolgreich verlaufen.
Am Abend kam mein Bruder, wir trugen die Sachen ins Auto und fuhren damit zu ihm. Am nächsten Tag ging ich wieder zurück ins Haus und suchte im großen Stockwerk, wo sich das Schlafzimmer befindet, nach unseren Papieren. Dort befindet sich auch meine bescheidene Bibliothek. Ich erschrak, als mein Blick auf die Titel der Bücher fiel. Mein Gott, wenn jemand vom IS hereinkäme und sie sähe, würde er mir sofort den Kopf abschlagen. Ich muss die Bücher unbedingt loswerden, aber wie?
Der schnellste Weg wäre es, sie zu verbrennen. Und der beste Ort dafür ist der Garten meines Hauses, der an eine Kreuzung grenzt, wo selten Autos fahren. Diese Gegend ist fast menschenleer.
Mit den gefährlichsten Büchern fing ich an, den Büchern von Sartre, Nietzsche, Abū l-ʿAlāʾ al-Maʿarrī und allen, die ihnen gleichen. Ich beschloss, sie zu verbrennen und so ihre Existenz zu verleugnen. Ja, ich beschloss, diese ungläubigen Zeugen augenblicklich hinzurichten.
Im Garten sammelte ich Brennholz und fing an mit meiner Grillparty. Mehrmals lief ich zwischen dem Garten und dem ersten Stock hin und her, um sicherzustellen, dass mich keiner beobachtete und dabei zusah, wie ich mit immer weiteren Büchern nach unten lief.
Da kam eines ihrer Kontrollautos vorbei und fuhr etwas langsamer. Vielleicht hatten sie den Rauch bemerkt. Mir wurde schwarz vor Augen und mir war, als atmete ich zum letzten Mal. Aber das Auto fuhr weiter. Und das Leben kam zurück. Hastig erledigte ich meinen Aufgaben. Das Feuer liebt die Seiten und verschlingt sie rasch.
Da geriet mir der Entwurf zu meinem eigenen Roman in die Hände, den ich gerade beenden wollte. Auch diesen König aller Zeugen musste ich verbrennen und alle Spuren des Verbrechens in meinen Gedanken verbergen.
Zum letzten Mal ging ich nach oben, sah vom Fenster aus auf die Asche und dachte bei mir: „Hast du wirklich überlebt? Was soll der ganze Unsinn? Ich muss zurück zu meinen Kindern. Nein, nein, warte. Es gibt noch etwas, das wir tun müssen.“
Ich verbrachte dreizehn schreckliche Tage zwischen meinem Haus und dem meines Bruders, das etwa eine halbe Fußstunde entfernt lag. Mehr als einmal wagte ich es, den Weg zu Fuß zu gehen, und jedes Mal dauerte die Reise länger als mein ganzes Leben.
In meiner Nachbarschaft traf ich nur auf zwei Familien, die noch in ihren Häusern lebten. Als sie meine Anwesenheit bemerkten, sagte ich ihnen, ich würde das Haus aufräumen, damit wir bald zurückkehren könnten.
Ich sagte ihnen das, weil ich Angst hatte, sie könnten mich verraten. Aber die Nachbarin flüsterte mir zu: „Bist Du verrückt, mit Deiner Familie hierher zurückkommen zu wollen?“ Ich antwortete: „Warum bist Du dann noch hier“? Sie sagte: „Wir brechen bald in den Norden auf.“
Die wahllosen Luftangriffe und Bombardierungen ziviler Wohnhäuser nahmen täglich zu und die Dämonen auf dem Boden schienen sich durch Spaltungen wie von selbst zu vermehren.
Bevor ich das Haus zum letzten Mal verließ, verteilte ich drei Exemplare des Koran in den Stockwerken, damit sie bei ihrem Eintritt dächten, es handele sich um ein gläubiges Haus. Später sollte ich erfahren, dass sie einige Monate später trotzdem alles gestohlen hatten, die Exemplare des Koran haben keinerlei Wirkung entfaltet.
Wann immer ich konnte, schickte ich über das Handy des Neffen kurze mündliche Nachrichten, um die Familie in Damaskus zu beruhigen. Nur an einem Ort gab es Internet. Die Antwort war immer die gleiche: Komm ohne alles zurück, wir brauchen nichts.
Also beschloss ich, wieder zurückzukehren. Der Sandsturm war heftig, aber an diesem Morgen half er uns, das Haus ohne Mahram zu verlassen. Ein Mahram ist ein männlicher Begleiter aus der Familie, ein Ehemann, Vater oder Bruder.
Wenig später saß ich wieder im Bus, umgeben von einer Gruppe Frauen, die genau wie ich ohne Mahram unterwegs waren. Alle reisten unter dem Vorwand einer ärztlichen Behandlung. Um meine Hüfte hatte ich heimlich ein paar Familienfotos und Dokumente gewickelt. Ich schnürte sie fest mit einem Damenkorsett und trug darüber ein weites, langes, schwarzes Kleid, das die Spuren meines Verbrechens verbergen sollte.
Die Reise durch den vom IS kontrollierten Teil der Strecke von Palmyra nach Damaskus dauerte wegen des Sandsturms fünf statt der üblichen zwei Stunden. Sarkastisch sagte uns der Busfahrer: „Wir haben das Gebiet der Ungläubigen erreicht.“ Ich lüftete die drei Schichten über meinem Gesicht, tastete über die Wangen und fragte mich: „Habe ich überlebt?“Nur zehn Minuten lagen zwischen dem letzten Checkpoint der Gläubigen und dem ersten der Ungläubigen, was für eine Farce! Jetzt konnte ich auch mein Handy wieder benutzen und meiner Familie schreiben, dass ich überlebt hatte und mich am Stadtrand von Damaskus befand. Nach mehr als zwei Stunden nahm die Familie mich in Empfang, die am Busbahnhof gewartet hatte. Nach einer langen Umarmung sagte ich sehr entschieden zu meinem Mann: „Hier können wir nicht bleiben. Wir müssen das Land verlassen. Es wurde an die Dämonen verkauft.“

Aus dem Arabischen übersetzt vom arabisch-deutschen Kollektiv WIESE.