Ghazal Hodaei

Über mich:

Ich bin Ghazal Hodaei, geboren (1378, iranische Zeitrechnung) 2000 christlicher Zeitrechnung- in Isfahan. Im Alter von 22 Jahren reiste ich fürs Bachelor-Studium der Informatik nach Deutschland, nach Rostock aus. Ich interessiere mich sehr für Fremdsprachen und für verschiedene Kulturen und stelle mich stets der Herausforderung, mit verschiedenen Menschen in Kontakt zu treten. Die sichere Zuflucht meiner Familie aufzugeben und meine Reise in ein fernes Land, haben mich in vielen Aspekten meines Lebens wachsen lassen.
Jeder von uns könnte in einem anderen Land geboren sein und jetzt könnte zum Beispiel in meiner Biografie der Name einer anderen Stadt stehen. 
Jenseits der Landesgrenzen, die wir um uns gezogen haben, gehören wir alle zusammen. Es bestehen nur geringfügige Unterschiede in der Art, wie wir uns kleiden; wir kommen aus verschiedenen Esskulturen und drücken unsere Gefühle in unterschiedlichen Worten aus. Je mehr unterschiedliche Menschen ich kennengelernt habe, desto mehr habe ich unsere Ähnlichkeiten entdeckt.
Wir sind uns wirklich sehr ähnlich und ich fühle mich sehr mit dir verbunden!

Originaltext

Übersetzung

Je näher der bestimmte Tag kam, desto stärker wurde ihre Verbundenheit mit dem Zimmer und ihren Sachen. Jetzt stand sie vor ihrem hölzernen Bücherregal. Die dicken Unilehrbücher ganz oben, Romane und Geschichten in den unteren Etagen, ordentlich und nach Buchgröße sortiert. Einige hatte sie noch nicht gelesen. Ein ganzes Regalbrett war Deutsch-Lehrbüchern gewidmet. Lehrbücher vom Anfänger- bis zum Fortgeschrittenen-Niveau waren so nebeneinandergestellt, als bildeten sie in ihren unterschiedlichen Größen die Gebirgskette der deutschen Sprache nach. Sie holte ihren rosa Lederrucksack aus dem Schrank, um die Bücher auszuwählen, die sie auf ihre lange Reise mitnehmen wollte. Die Gipfel dieser deutschen Bergkette hatten sich so eng miteinander verbunden, ihre Hände ineinander verschränkt und sie schienen zu fest miteinander verschmolzen, um einzelne Bände auswählen zu können. Sie hatte quasi zwei Jahre lang mit diesen Büchern gelebt und sie waren jetzt ihre engsten Begleiter. Der Duft ihrer Tränen und der Klang ihres Gelächters war zwischen den Seiten haften geblieben. Sie wählte einige Deutsch-Lehrbücher und einige ihrer Lieblingsromane aus, verstaute sie mit Mühe in ihrem Rucksack und versprach den anderen Büchern, die sie voller Unbehagen im Regal zurückgelassen hatte, sie würde sicher eines Tages zurückkehren und dann auch sie mitnehmen.
Ihre Augen fielen auf die gegenüberliegende Wand des Zimmers. Sie war von oben bis unten mit kleinen bunten Notizzetteln bedeckt und auf jedem stand ein Verb, ein Satz oder eine Redewendung auf Deutsch, zusammen mit ihren persischen Äquivalenten sowie Entsprechungen. Das ganze Zimmer war voll von diesen kleinen Notizzetteln und selbst beim Öffnen des Kleiderschranks fielen ihre Augen immer wieder auf diese Zettel. So lernte sie auch beim Anziehen neue Vokabeln.
Sie war fest überzeugt, dass man fürs Erlernen einer neuen Sprache die Augen schließen und in die Sprache eintauchen müsse und diese Überzeugung hatte sie in ihrem Zimmer gut sichtbar umgesetzt. In einer anderen Ecke des Zimmers standen drei Koffer nebeneinander; bereit, gefüllt zu werden und sie auf ihrem neuen Abenteuer zu begleiten. Die Koffer waren sehr geräumig und schon das beruhigte die junge Frau, da sie umso mehr Verbundenheit und Zuneigung in ihnen unterbringen konnte. 
An der Wand, an der die Koffer lehnten, zog sich eine etwa zwanzig Meter lange Lichterkette in X-Form von oben nach unten und entlang der Kette waren mit bunten Clips Fotos befestigt. Fotos aus Tagen, an die sie sich gern täglich neu erinnern wollte. Sie berührte die Fotos und lächelte. Sie verweilte länger bei einem Foto. Es zeigte zwei Mädchen mit einem Tattoo von zwei gekreuzten Monden, beide auf ihre Schlüsselbeine tätowiert, als Zeichen ihrer ewigen Freundschaft. Sie strich über den Mond auf dem Schlüsselbein der Freundin und spürte, wie ihre Wangen feucht wurden. Das war das einzige Andenken an ihre engste Freundin, das sie jetzt mitnehmen konnte.
Sie schaltete ihr Handy ein. Die Stimme von Siavash Ghomayshi erfüllte den Raum:
„Oh, Zugvogel, du Reisender;
sei gesegnet, deine Reise;
wohin führt sie dich, mein Liebster;
selbst ein Käfig ist die ganze Welt.“
Während das Lied durchs Zimmer klang, öffnete sie ihren Kleiderschrank. Auf den ersten Blick zwinkerte ihr ihre rote Schaffellmütze zwischen all den Kleidungsstücken zu. Wenn sie diese Mütze sah, ging sie auf eine Zeitreise. Vor ihr stand plötzlich der Eiffelturm und in den Händen hielt sie ein warmes französisches Croissant. Sie trug einen roten Mantel und schwarze Stiefel. Die Schaffellmütze auf ihrem Kopf war nun eine Krone aus Saphiren. Ihre Vorstellungskraft war so stark, dass sie sich jedes Detail lebhaft vorstellen konnte. Jedes ihrer Kleidungsstücke gab ihr  ein besonderes Gefühl und beschwor ein eigenes Bild herauf. Ihre dicken Pullover und Jacken lagen übereinander wie Soldaten, die ihr im Kampf gegen den harten Winter und die Schneestürme im Norden Deutschlands beistehen würden.
Sie schaute kurz zu ihren Lieblingssnacks auf dem Schreibtisch aus dunklem Holz. Der Nachmittagstee wurde ergänzt durch „Gaz“, ihre Lieblingssüßigkeit aus Zucker, Eischnee und Pistazien, die ihr das Gefühl von Zuhause vermittelte und natürlich gehörte auch der Kandis dazu, den ihre Mutter das Heilmittel für alle Schmerzen nannte, das bei Kopf-, Hals-, Glieder- und allerlei anderen Schmerzen half. 
Es gab noch viele Dinge, an denen ihr Herz hing und Geschenke, bei denen sie unsicher war, ob sie sie mitnehmen sollte. Doch ganz gleich, wie viele Dinge, wie viel Freude und Zugehörigkeit, Familie, ihr gesamtes Leben – mitnehmen durfte sie nur die vierzig Kilo Gepäck, die man ihr dank ihrer Zulassung an der Universität zugestanden hatte.
Mit jedem Tag wurde ihre Bindung an Zuhause stärker. Das Frühstück mit der Familie war so angenehm wie nie. Sie mochte ihr Bett und ihr Kopfkissen mehr als je zuvor. Wie seltsam und gut es sich anfühlte, zu Hause zu sein. Ein Gefühl, das sie erst in den letzten Tagen ihrer Anwesenheit zu Hause wirklich begriff. In ihr tobte ein heftiger Kampf. Die Armee der Erinnerungen und der Herzensbindungen wurde von Minute zu Minute stärker  bewaffnet.  Ausreisen und dann die Entfernung, Distanz und noch mehr Distanz. Lohnte sich das wirklich?
Sie hatte keine konkrete Vorstellung von der neuen Umgebung, in die sie gehen würde. Nur eine innere Stimme sagte ihr, dass sie gehen müsse, dass sie Neues entdecken müsse. Ein unbekanntes Wesen schien sie aus der Ferne zu rufen und dieser Ruf aus tiefster Seele riss sie mit.
Alle Erinnerungen zogen wie ein Film an ihren Augen vorüber. Sie fand sich in der Gegenwart wieder, im Auto sitzend und betrachtete das Schild, das auf den Flughafen hinwies. Sie versuchte, sich glücklich zu zeigen. Diese Verstellung war ihr Herzenswunsch. Die letzten Stunden am Flughafen würden ihr wie Jahrhunderte vorkommen und sie würde ausreichend Zeit haben, ihre ganze Familie herzlich zu umarmen und sich in aller Ruhe von allen zu verabschieden. Bis zu diesem Moment hatte sie sich wohl selbst getäuscht, um dieser schmerzhaften Realität nicht ins Auge sehen zu müssen, aber mit jedem Kilometer, den sie dem Terminal für Auslandsflüge näher kamen, verstärkte sich die Realität.
Es war Mitternacht und der Mond stand näher an der Erde als sonst. Auch er schien auf ihre Abreise zu warten und sie begleiten zu wollen. Am internationalen Abflugterminal angekommen, sahen sie die endlose Schlange von Passagieren und Menschen, die sie begleiteten. Wie Schläge ins Gesicht trafen die zum Abschied ausgetauschten Umarmungen und Küsse sie alle und erinnerten sie an die schmerzhafte Wirklichkeit, dass dies die letzten Momente des Zusammenseins waren. Jetzt, da sie gedacht hatte, es sei noch Jahrhunderte Zeit, blieben nur noch Minuten. Die Zeit verrann. Die Schlange der Fluggäste kam jetzt schnell vorwärts. „Papa, ich möchte noch nicht gehen …,“ sagte sie voller Angst zu ihrem Vater. „Der Flug geht erst in ein paar Stunden… Ich habe kein Herz, loszulassen…kann mich einfach nicht von euch trennen… Der Abschied fällt mir so schwer! Ich dachte, wir könnten hier noch mehrere Stunden zusammen verbringen.“
„Ich weiß, mein Schatz, aber wir haben diesen Andrang nicht erwartet. Wenn du jetzt nicht gehst, kriegst du vielleicht keinen Platz mehr im Flieger oder du verpasst den Flug ganz.“
Das Mädchen wollte alle seine Sehnsüchte und alle Leeren in diesen letzten Momenten überwinden und hinter sich lassen. Sie wollte ihre Taschen mit den Küssen und dem Lächeln ihrer Mutter füllen, alle Umarmungen ihres Vaters einsammeln und in ihren Rucksack packen, die Tränen der kleinen Schwester in den Falten ihres Schultertuchs verbergen und sie alle mitnehmen. Doch dieser Moment war der Beginn eines Schmerzes, dem sich zu stellen, es ihr bis zu diesem Augenblick an Mut gefehlt hatte.
Sie hatte ihrer Mutter versprochen, am Flughafen nicht zu weinen, um den versteckten Kloß in ihrem Hals leichter schlucken zu können. Doch die Tränen der Mutter machten alle guten Vorsätze im Nu zunichte.
Die Schlange hatte ihr Ende erreicht. Jetzt war die Reihe an ihr, die Sicherheitszone zu betreten. Ihr Kloß im Hals brach weg und ihre aufgestauten Tränen nutzten die lang ersehnte Gelegenheit, brachen sich mit voller Kraft Bahn und das Mädchen weinte bitterlich. Das Schluchzen war so laut, dass das Wachpersonal und die Kontrolleure dem Vater gestatteten, seine Tochter während der Übergabe ihres Gepäcks zu begleiten.
Den Vater an seiner Seite zu wissen, tröstete die Tochter sehr. ,Papa ist da. Papa ist immer noch hier … Papa …‘
Sie hatte keine Vorstellung davon, was in den nächsten Minuten passieren würde. Sie war noch nie allein gereist, nicht einmal im eigenen Land. Panische Angst drängte alle ihre Sehnsüchte und Gefühle in den Hintergrund. Sie kam sich vor wie im Überlebensmodus, allein damit beschäftigt, dem Tod zu entkommen.
Gemeinsam mit dem Vater gelangten sie zur Gepäckannahme. Der Vater stellte die Koffer auf die Waage. Drei Kilo Übergewicht!‚Das fehlte mir gerade noch‘, dachte sie sich vor sich hin.
Der Vater nahm den rosafarbenen Rucksack mit Büchern aus dem Koffer und sagte: „Die nehme ich mit. Die wiegen bestimmt mehr als drei Kilo.“
„Papa, ich kann ohne diese Bücher nicht sein. Lass sie mich in meiner Handtasche tragen. Diese Bücher sind mir total wichtig.“
Jetzt trug sie neben dem schweren Rucksack auf ihren Schultern auch den rosa Rucksack in einer Hand. Aber in diesem Moment bemerkte sie das Gewicht der zwei Taschen überhaupt nicht, beide waren ihr federleicht.
Sie wollte ihre Bücher auf keinen Fall aus der Hand geben. Ihre Bücher waren das einzige, was sie ohne Visum und Pass mit auf die Reise nehmen durfte.
Vom ersten Moment ihrer Studienreise an, beschloss die junge Frau, ihren Geist wie die leeren weißen Seiten eines Notizbuchs zu halten und sie mit ihren persönlichen Erlebnissen einzufärben. Jetzt war ihr Kopf endlich frei. Das Flugzeug hob ab. Die Stadt schien zum Abschied Festbeleuchtung zu tragen. Das Mädchen erlebte ein Wechselbad der Gefühle: Angst, Glück, Aufregung, Sehnsucht, Mut und Stolz zugleich.
Das Mädchen flog davon, ließ ein Stück von sich für immer in ihrer Stadt und ihrem Land zurück. Ein Stück, das ins Vierzig-Kilo-Gepäck gar nicht gepasst hätte.

Aus dem Persischen übersetzt von Ali Abdollahi.