Hanna Bohatkina

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Originaltexte

Ich würde gern einen Brief als Touristin schreiben. Erzählen, wie angenehm der erste Schluck Kaffee am Ostseestrand ist, wie süß es in der Bäckerei duftet, wie schön die deutschen Vögel singen und wie seltsam es ist, wenn bei Ebbe der Sand unter den Füßen verschwindet. Aber der Krieg nimmt uns das Recht auf Genuss, und das Rauschen des Meeres ähnelt manchmal dem Brüllen der Panzer während der Besatzung. Zuerst war es eine traurige Botschaft – eine persönliche Geschichte, die sich in Millionen anderer auflösen wird. Es hat jedoch keinen Sinn, das zu wiederholen, was vor mir gesagt wurde. Es ist besser, das zu teilen, was Anklang findet, berührt und amüsiert.

Ich habe Deutschland vor fünf Jahren zum ersten Mal besucht. Dieses Land hatte etwas, was nah, verständlich und einfach war. Ich wünschte, ich könnte hier für eine Weile leben – dachte ich damals. Ich rate jedem, seine Wünsche konkreter zu äußern, das Leben kann sie – mit einer Korrektur – erfüllen. Natürlich wollte ich auf keinen Fall als Flüchtling hierher kommen- in fremden Sachen und einem Rucksack über den Schultern. Aber genau so begann mein neues Leben.

Unsicherheit begleitete mich, als wäre ich überhaupt nie hier gewesen. Was man nicht von meinem Dackel sagen kann, ein ethnischer Deutscher, eine klare Sache! Übrigens, auf Rügen, wo ich direkt von Tegel aus gelandet bin, gibt es viele Hunde. Sie sind überall – in Kinderwagen, Karren, Fahrradkörben, auf Armen und in Autos. Ich denke, sie müssen „Hundegeld“ erhalten. So sehr lieben sie die Deutschen.

Die Deutschen. Ich habe die Deutschen noch nicht entschlüsselt. Die Ukrainer, übrigens, erkenne ich von Weitem – einfach an ihren Gesichtern. Ein Mensch aus der Ukraine ist immer etwas besorgt. Als würde er im Kopf 785 durch 15 rechnen! Und es geht nicht um den Krieg. Wir sind einfach darauf ausgerichtet, ständig Probleme zu lösen. Die Gesichter der Deutschen hingegen sind ruhig und unbeirrt. Sie sind im Augenblick. Es ist schwierig, einen Deutschen, der sehr in Eile ist, von einem Deutschen zu unterscheiden, der es nicht eilig hat. Ich habe von euch Regelmäßigkeit, Ruhe und ein Leben gelernt, in dem alle Angelegenheiten vor 17 Uhr, besser noch am Vormittag und nicht am Freitag geklärt werden müssen. Nicht geschafft – keine Sorge: „Wir schreiben Ihnen“.

Ja, ich habe wieder angefangen, auf die Briefe zu warten. Ich habe schon einen ganzen Ordner davon. Egal was man sagt, aber das System funktioniert und noch wurde nichts Besseres erfunden. Obwohl es den Anschein hat, dass mein Antrag auf einen Internetanschluss von OIaf Scholz persönlich genehmigt worden sein muss – so lange hat es gedauert.

In meinem früheren Leben war ich Journalistin und habe ganz passable Texte geschrieben. Jetzt verwende ich ziemlich gut zehn deutsche Wörter. Aber auch das ist mir nicht auf Anhieb leichtgefallen. Ehrlich, ich wusste nicht, dass „schon“ und „schön“ unterschiedliche Wörter sind. Einige Monate lang sagte ich den Menschen „danke schon“. Und ja, ich beneide ein vierjähriges deutsches Mädchen um ihren Wortschatz. Also werdet nicht böse, wenn ich euch einen Google-Übersetzer reiche. Es gefällt mir, auf Deutsch zu lesen, aber lange Wörter auszusprechen ist extrem schwierig. Einmal traute ich mich nicht, eine „Erdbeersahnetorte“ zu kaufen.

Und überhaupt, lange Wörter trifft man ziemlich oft ausgerechnet in der Bäckerei. Apropos Bäckerei: Die Deutschen essen Brot für ihr Leben gern. Und das kann man verstehen: Ich habe noch nie schmackhaftere Bachwaren gegessen. Was mich überraschte, war die Liebe der Deutschen zum Essig. Wenn der Krieg zu Ende ist und ihr uns besuchen kommt, fürchte ich, dass die Essigindustrie in der Ukraine es nicht schaffen wird! Es wird definitiv nicht genug für alle sein. Was aber reichen wird, sind Kartoffeln, die mögen wir auch sehr. Hauptsache, ohne Essig!

Mir gefällt eindeutig euer Klima. Ich sage es als jemand, der Winterschuhe hasst. Und ein langer und kühler Frühling auf Rügen ist sogar von Vorteil: Man schätzt den Sommer mehr. Die Hauptsache ist, diese drei Tage nicht zu verpassen. Es wird allgemein angenommen, dass slawische Völker kälteresistenter sind. Ich kann dem nicht zustimmen. Das zeigt sich deutlich, wenn man sieht, wie ihr im eiskalten Meer planscht. Oh, diese glücklichen rosa Gesichter – man könnte glauben, dass das Wasser 26 Grad warm ist! Und das nimmt man euch ab und rennt mit Anlauf hinein, um schreiend wie ein verletztes Tier ans Ufer zurückzukehren. Als ich mich auf mein Badetuch setzte, merkte ich nach einiger Zeit, dass einige der Urlauberinnen sich oben ohne sonnten. Es hat mich nicht sonderlich gestört. Ich mag Freikörperkultur. Nur wusste nicht, dass das auch in Deutschland so ist. Es stimmte irgendwie nicht mit meiner Vorstellung von den Einheimischen überein.

Ich gebe zu, ich habe sogar selbst einmal probiert, mich oben ohne zu sonnen. Nicht ausgeschlossen, dass ich es noch einmal versuche.

Im Allgemeinen ist es eine undankbare Aufgabe, von irgendwelchen Vorstellungen auszugehen. In mancher Hinsicht sind wir uns sehr ähnlich, in anderer Hinsicht völlig unterschiedlich. Ich habe kürzlich meinem Nachbarn „Hallo!“ gesagt, er antwortete mit „Pryvit“! In solchen winzigen Augenblicken verschwinden die Grenzen zwischen „wir“ und „ihr“.

Wenn der Krieg zu Ende ist, schreibe ich euch als Touristin. Darüber, dass die Kunst die Raketen besiegt und darüber, dass ich wieder tief durchatme, im Sand liegend den Meeresduft genieße. Ich werde meine Pläne in den Sand schreiben und euch wahrscheinlich damit zum Lachen bringen. Welche Pläne kann es in diesem Leben schon geben…

Hanna Bohatkina,
Ukraine, Charkiw

Liebe
Die Hauptsache
Alles ist gut.
Es gibt kein Übel.
Leben

Hanna Bohatkina