Mohammad Hossein Bamneshin

Über mich:

Spezialist für künstliche Intelligenz
38 Jahre alt

Originaltext

Übersetzung

Die runden Blumentöpfe auf dem Treppenabsatz im Haus meiner Mutter sind immer meinen letzten Begleiter, die ich stets berühre, bevor ich für einen Arbeitstag oder gelegentlich für eine mehrtägige Reise fortgehe. Sie sind immer da. Seit Aqhadschan d.h. der Herr unseres Hauses – in unserem Haus ist der Name der Familienväter von Generation zu Generation „Aghadschan“ – seine lange und dauerhafte ewige Reise begonnen hat, habe ich die Verantwortung für sein Gewächshaus übernommen, das wahrhaft grün, frisch und üppig ist. Jetzt kümmere ich mich neben meinen eigenen Erinnerungspflanzen aus Studientagen und meinen eigenen Blumen auch um das Gewächshaus von Aghadschan. Seine tägliche Pflege und manchmal das Spielen mit der Erde und den Zweigen gehören zu meinen Pflichten. Aber der kleine blaue Blumentopf der Buntnessel, der auf der untersten Stufe und vor dem Treppenabsatz steht, kommt mir wie ein Kind vor, das seinen Vater jeden Tag aus dem Haus begleitet und sagt: „Komm schnell zurück!“. Das ist die letzte Szene bevor ich das Haus verlasse.

Ich streiche über ihre frischen Blätter, drehe mich um und schaue zur Aufzugstür. Aber dieses Mal ist mein Hinaustreten ernster – nicht unumkehrbar, aber zumindest für länger und vielleicht für immer.

Oh, meine Buntnessel! Es mag für dich unverständlich sein, wenn ich sage, dass das Abschließen der Haustür und das Fortgehen mit einem Koffer – und zwar genau diesem einen Koffer – alles ist, was aus mir und meinem Leben wird und mit alledem, was für mich und meine Gemeinschaft existiert. Stell dir vor, du wolltest deine Wurzeln aus dem schönen, bequemen, blauen Blumentopf herausnehmen und mit ihnen unter dem Arm davonlaufen, aber du könntest nur wenige Zweige und ein paar deiner Blätter mitnehmen, nicht mehr.

Ja! Unsere Geschichte und unser Fortgehen sind genauso. Was spielt es für eine Rolle, aus welchem Blumentopf wir unser Herz nehmen und gehen? Solange die Wurzeln in unseren Händen sind, ob wir im Flugzeug sitzen, zur See fahren oder sogar zu Fuß gehen, haben wir alle mehr oder weniger die gleiche Geschichte. Ich liebe meinen Blumentopf genauso wie du deinen und die Erde, in der ich wurzele, liebe ich auch sehr. Aber Luft, die ich atme und mein Topf sind vergiftet und meine Blätter sind, auch wenn sie sehr zahlreich sind, nicht mehr so grün und frisch. Ich hoffe nicht mehr auf frische, grüne Blätter.


Ach Buntnessel, du meine Schöne! Ich habe zwar Erde, aber es ist nicht mehr dieselbe Erde, die meinen schwachen Stielen helfen könnte. Wie du, bin ich von der Mutterpflanze getrennt worden, habe langsam Wurzeln in einem blauen Gefäß geschlagen und bin von Topf zu Topf umgepflanzt worden, bis ich nun hier angekommen bin. Ich habe langsam Zweige und Blätter bekommen und bin der Besitzer eines Topfes, von etwas Erde und einem Körper für mich allein geworden. Aber was kann ich tun, wenn es Zeit für Veränderung ist? Ich brauche bessere Luft, die Hoffnung auf neue Blätter und Zweige und tausend kleine und große Wünsche, die mich auf diese Reise führen. Aber wer weiß das schon?! Weiß jemand, ob der nächste Boden mir besser bekommen wird oder fruchtbarer für meinen Körper und meine Wurzeln ist oder nicht?!

Buntnessel, du mein Liebling! Dieses Mal ist mein Abschied von dir etwas ernster und anders. Wir werden uns nicht mehr täglich gegenseitig guten Morgen wünschen, aber mein Herz ist immer bei dir und bei all diesen Zweigen, die voneinander getrennt in verschiedenen Töpfen Blätter abwerfen. Ich weiß, dass du allein verstehen wirst, was das Verlassen der Stamm-Mutter, das Wurzelschlagen im Boden und dann das erneute Sich-Umstellen bedeutet. Auch ich bin eine Pflanze wie sie, aber ich bin nicht unbedingt glücklich darüber und mir meiner nicht sicher. Vielleicht hege ich eine Mischung aus Hoffnung, Erwartung, Sehnsucht und Wille; ob kalt, ob warm, hoch oder niedrig, ich habe verwirrende Gefühle. Mein Koffer hat, außer ein paar Fotos, ein paar Büchern, einem Kinderkleid und einem Computer, der all die Jahre bei mir war und die Bedürfnisse des ersten Monats meines Lebens beherbergt, nicht mehr zu bieten. Ich lasse mein Hab und Gut ja alles hinter mir und gehe fort. Meine Schritte sind entschlossener; denn ich muss mehr „Allein und Einsam“ durchstehen, aber sie schleppen sich auf dem Boden hinter mir her. Die Summe meiner Befürchtungen und Hoffnungen steht für eine Zukunft, die ich noch nicht kenne.

Ach Buntnessel, meine lebendige Gefährtin! Ich ertrage die Leiden des Abschieds und des Herzschmerzes in mir, aber ich weiß, dass nicht ich allein unterwegs bin, ich bin einer von Tausenden, die ihre Wurzeln für bessere Luft und in der Hoffnung auf bessere Bedingungen in die Hand nehmen und zu einem unbekannten Ziel aufbrechen. Du weißt schon, ich möchte wieder frisch und farbenfroh sein. Die Frage, ob „das Fortgehen es wert war“, wird mich und uns alle für ewig, selbst bei bestem Wetter und mit Wurzeln in bestem Boden, stets begleiten. Aber ich weiß, dass du es verstehst! Du sehnst dich doch nach deiner Heimaterde, nach dem Körper deiner Mutter und den zarten Blättern deiner ersten Triebe, oder nicht? Das frage ich mich und diese Frage begleitet mich immer, bald deutlicher und bald weniger klar. Mein Ziel gibt jedoch gelegentlich Antworten und natürlich verschiedene. Manchmal ist es ein Ja und manchmal ein Nein.

Meine müden Augen erkennen das Licht in der Mitte des Raumes. Verschlafen überprüfe ich mein Handy. Montag, der 6. Dezember, 6 Uhr morgens; draußen ist es noch dunkel. Die Winter sind für uns immer härter und dunkler und dieser erste Winter kommt mich besonders hart an. Ich liege alleine auf meinem Einzelbett in einer Ecke des Wohnzimmers von Tine, einer zweiundachtzigjährigen deutschen Frau, während am Tisch neben meinem Bett der Roman „Die Stadt der Blinden“ von José Saramago liegt, den ich gestern Abend gelesen habe, vielleicht zum dritten oder vierten Mal. Es ist Sonntag und ich muss heute nicht arbeiten. Vielleicht sollte man noch ein wenig im Bett bleiben und den Körper in den Armen der Träume der vergangenen Nacht die Ruhe weiter genießen lassen, aber das Licht in der Mitte des Raumes zieht immer noch meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich kann nicht genau bestimmen, wozu es da ist und blitzt. Es ist kein Albtraum wie in vielen anderen Nächten, sondern ein Traum von Zuhause und der Heimaterde, in dem ich die ganze Nacht mit mir im Reinen war. Zugleich träumte ich vom Moment meines Abschiednehmens von dem Haus sowie von der Umarmung meiner Mutter und meinem zögernden Hinausgehen aus einer Tür, hinter der die Buntnessel immer mein ständiger Gefährte war.

Meine rechte Hand tut weh. Ich weiß nicht, ob ich schlecht geschlafen habe oder ob der leere Koffer ohne alle meine Sachen, all mein Hab und Gut, den ich im Traum hinter mir hergezogen habe, den Schmerz verursacht. Ich erhebe mich müde vom Bett. Das Licht in der Mitte des Raumes gehört zu meiner Leselampe, die auf dem Boden steht. Ihr Licht konzentriert sich auf die neuen Winterstiefel, die ich gestern gekauft habe, damit sie mir den harten Winterweg etwas leichter machen. Sie sind immer noch neu und sauber, aber die Stiefel sind nicht das Einzige im Raum. Der grüne Zweig einer Winterkiefer, einige Walnüsse, ein paar Früchte, eine Schachtel Weihnachtsschokolade, ein Becher, auf dem die Kälte des Winters schöner und zärtlicher gezeichnet ist, als es der Wirklichkeit entspricht und ein Buch mit den Kinderliedern für das neue Jahr liegen neben den Stiefeln.

Meine hübsche Buntnessel! Es kommt mir vor, als ob der heilige Nikolaus an meinen sauberen und neuen Stiefeln vorbeigekommen wäre, während ich im Traum mit dir über Angst, Hoffnung und meine Wurzeln gesprochen habe und mich mit seiner Güte und Gastfreundschaft empfangen hätte. Verstehst du? Es ist, als ob ich sogar nach kurzer Zeit in dieser neuen Erde ein besseres Gefühl entwickelt hätte. Die Kälte des Winters und das gedämpfte Licht haben das Wachstum meiner frischen Blätter nicht behindert und jetzt habe ich neue, junge Blätter. Diese frischen Blätter sind die Frucht einer Verbindung mit einer neuen Kultur und der Dankbarkeit: meine ersten Blätter in der neuen Erde. Diese Blätter sind lebendig und frisch, das Ergebnis von gelegentlichem Zusammensein mit Tine und ihren Söhnen. Tine spielt für mich die Mutterrolle in meinem Zielland. Ich habe für sie die Speisen meines Heimatlandes gekocht und sie ist zu meiner Mutter geworden. Sie ist sich unserer Interessen und unserer Liebe zu Kultur, Musik und Poesie bewusst und wir haben einander gut kennen gelernt. Selbst verschiedene Sprachen und Kulturen, der Abstand von Generationen sowie Tausende von „Nicht-Gemeinsamkeiten“ trennen uns nicht voneinander, Solidarität und Akzeptanz des „Anderen“ sind für uns zu uns verbindenden Worten geworden.

Meine liebe, grüne Nessel! Nur noch ein paar Tage wohne ich bei Tine und dann gehe ich in mein eigenes Zuhause, dann werde ich wie du einen festen Blumentopf für mich besitzen. Mein neuer Blumentopf hat ein Fenster zum Himmel, er ist weiß und hell. Er erinnert mich an die Helligkeit und Hoffnung der letzten Seiten von Saramagos “ Die Stadt der Blinden“ und an das helle Licht der Lampe, die der Nikolaus gestern Abend in meinem Zimmer angezündet hat und damit ein neues Kapitel in meinem Leben aufgeschlagen.

Meine süße Buntnessel! Ich weiß nicht, ob ich heute Morgen wegen meines Traums von gestern Nacht mit dir gelächelt habe oder wegen der frischen Blätter, die ich nach dem Abschied von meiner Heimaterde aus meinem Körper in die neue Erde gegeben habe. Aber egal, was es ist, unabhängig davon, ob ich die Antwort auf die wiederkehrende Frage in meinem Kopf finde, ist es für mich Reiseproviant auf einem Weg, den ich einschlage, indem ich mich von meiner Heimaterde, von dir, meiner Buntnessel,und all den Blumen, die in meinem Boden wurzeln, verabschiede.

Was für einen Unterschied macht es, ob der Nikolaus wirklich gekommen ist oder nicht? Die Tatsache, dass es am Zielort eine Zuflucht für unsere müden Körper gibt, macht unser Lächeln dauerhafter und unsere Schritte fester.

Es ist ein Wintermorgen, ich trinke meinen Morgenkaffee mit einem Stück Weihnachtsschokolade und ich stelle mir die Frage: Sag mal ehrlich, sind wir je in unserem Leben ein Nikolaus gewesen? Und ist jemals wirklich einer zu uns gekommen?

Aus dem Persischen übersetzt von Ali Abdollahi.