Parvaneh Azizi

Über mich:

Parvaneh Azizi, ist eine Dichterin, Autorin und Dozentin der persischen Sprache und Literatur. Sie hat viele Bücher verfasst und veröffentlicht. Seit 2020 wohnt sie in Deutschland.

Originaltext

Übersetzung

Seitdem sich die Situation in Afghanistan immer mehr verschlechtert und das Land im Chaos versunken ist, habe ich nach einer Gelegenheit gelauert, Homaira anzurufen. Ich weiß, dass sie in
diesen Tagen sehr traurig ist. Als ich heute damit beschäftigt war, Auberginen zu braten, was mich jedesmal viel Zeit kostet, dachte ich, es wäre eine gute Gelegenheit, sie anzurufen.

Ich habe Homaira an einer U-Bahn-Station kennengelernt, meine Tochter Melody spielte wie üblich mit den Vögeln auf dem Bahnsteig und die Vögel flogen um sie herum. Als ich Melody aufforderte zu gehen, kam sie zu uns und fragte: „Sind Sie Iraner?“ Ich war froh, dass sie Persisch sprach. Wir begannen zu reden. Ich erkannte, dass unsere Wege fast die gleichen waren. Während der gesamten Fahrt unterhielten wir uns und sie sprach wie wir. Nur in einigen Sätzen war die Verwendung von Verben bei ihr anders oder sie verwendete einige Wörter in einem anderen Kontext. Ich dachte ständig darüber nach, in welchen literarischen Texten wir diese Art der Verwendung von Verben hatten oder welches Wort wir nicht in unserer Rede verwendeten. Sie sagte, sie stamme aus Herat und die Bewohner von Herat seien genauso wie Iraner – in ihrem Aussehen, ihrem Sprechen und sogar in ihren Bräuchen und Traditionen. Sie sagte, ihr Vater sei ein Fan der bekannten iranischen Sänger*innen gewesen, insbesondere von Homayra und Moein, deshalb wurde sie auch Homaira genannt.

Nach langer Zeit habe ich sie wieder in einem Laden in der Nähe meiner Wohnung gesehen, und wir haben uns beide sehr gefreut. Sie sagte, sie sei gerade in diesen Laden gekommen, um Rosinen zu kaufen, weil sie „Qabili-Palau“ kocht. Sie fragte: „Hast du es probiert?“ Ich lächelte und sagte: „Nein, ich hatte nie einen Freund aus Afghanistan.“ Sie sagte: „Ich werde es für dich zubereiten.“ Und genau das hat sie ein oder zweimal für uns gemacht -„Qabili-Palau“ gekocht – danach wurde dieses Gericht in die Liste unserer Familiengerichte aufgenommen und ich habe es einige Male nach Homairas Rezept zubereitet. Der Duft von Kardamom, Zimt, Kreuzkümmel und Safran macht jeden Riechenden völlig betrunken.

Ich wählte ihre Nummer und nach ein paar Sekunden antwortete sie fröhlich und wie immer. Zuerst nannte sie meinen Namen „Parvaneh“. Sie sprach meinen Namen nicht genau wie wir, aber ich mochte es, wie sie „Parvaneh“ aussprach. Sie machte immer eine Pause, nachdem sie meinen Namen gesagt hatte.

Ich hörte die Stimme ihrer Mutter am Telefon, sie war anscheinend bei ihr zu Besuch. Sie sagte, ihre Mutter habe viele Jahre in Teheran gelebt und viele iranische Freunde. Sie mag iranische Damen und ist selbst schick und gut gekleidet – wie Teheraner Damen. Ihre Mutter hatte sie einmal, als sie zu Besuch war, auch eingeladen, damit wir uns kennenlernen konnten. Ihre Mutter war genau so, wie Homaira vorher beschrieben hatte; heiter, fröhlich und elegant.

Homaira sagte oft, sie wollte auch wie ihre Eltern im Iran leben, aber ihr Vater hat sie mit einem Mann in Herat verheiratet ( und ist dann nach Iran gegangen.) Sie sagte, eines Tages hat ein Verwandter bei ihrem Vater angerufen und gesagt, gib deine Tochter dem Sohn von jemandem und ihr Vater sagte, sie sollen einen Mullah für die Ehe bringen! Dann haben sie sie einem Mann gegeben, der sie anschrie, nach Opium roch und trank. Homaira nennt ihn mit Abscheu bei seinem Namen.

Einmal fragte ich sie, warum lässt du dich nicht scheiden? Sie rollte mit den Augen und sagte: „Scheidung!“ In Afghanistan ist es eine Schande, wenn eine Frau sich scheiden lässt, es beschämt die Familie und die Verwandten, egal was ihr Schicksal ist, sie muss damit zurechtkommen. Geschieden zu werden, sei wie der Tod für eine Frau. Wehe dem Tag, an dem eine Frau sich scheiden lässt und Schande über sie, wenn sie daran denkt, einen anderen Ehemann zu haben.

Ich sagte, deine Eltern haben viele Jahre in Teheran gelebt und jetzt leben sie seit fast einem Jahrzehnt in Europa, jetzt kannst du über Scheidung sprechen. Wie lange willst du dieses Verhalten ertragen? Sie sagte einmal, sie habe nur das Wort Scheidung zur Sprache gebracht; ihre Mutter sei drei Tage krank gewesen und es ging ihr schlecht. An dem Tag, als meine Mutter und ich bei ihr zu Besuch waren, brachte sie selbst das Thema ihres schlechten und guten Ehemannes zur Sprache, das war eines ihrer ständigen Gesprächsthemen. Meine Mutter und ich saßen ihr gegenüber und sie stand hinter ihrer Mutter, als sie sagte: „Die Kraft eines Menschen ist nicht unerschöpflich, eine Frau, deren Kraft erschöpft ist, muss sich scheiden lassen und frei sein.“ Ihre Mutter warf einen bedeutungsvollen Blick über ihre Schulter, seufzte und sagte, während sie mit ihren süßen Speisen spielte: „Das darfst du nicht sagen, sei es von dir fern …sei es von dir fern … sei es von uns fern …“ Homaira hatte mir von oben einen Blick zugeworfen, der bedeutete „Siehst du, ich habe es gesagt“!

Schon bei unserem ersten Treffen erzählte mir Homaira von der Trennung von ihrem Sohn. Sie hat ihren Sohn seit einigen Jahren nicht getroffen. Das war ihre größte Traurigkeit und sie weinte, wenn sie über die Abwesenheit ihres Sohnes sprach. ls sie sah, dass auch ich Tränen in den Augen hatte, seufzte sie tief und sagte: „Was sollen wir tun?“ Dieses „Was sollen wir tun?“ bedeutete, dass es nichts gab, was wir tun konnten.

Dann sagte sie: „Lass uns weiter plaudern, lass uns einfach lachen“ und dann lachte sie…

Nachdem wir ein paar höfliche Worte und Floskeln ausgetauscht hatten, erzählten wir über die Lage in Afghanistan. Ich hatte zuvor in dem Buch „Drachenläufer“ von Khaled Hosseini vieles über die „Hazara“ und „Paschtunen“ und die „Taliban“ gelesen und mit Homaira darüber gesprochen. Als ich nach den Taliban fragte, schloss sie ihre Augen und schüttelte den Kopf. Ich fragte, ob sie sie gesehen habe.

Sie sagte: „Ja bestimmt, in Herat, in unserer Straße, als ich noch in die Schule ging, sah ich, wie Menschen mit der Peitsche geschlagen wurden.“ Sie sagte: „Frauen, die keine Socken trugen oder keine Burka auf den Kopf hatten, wurden mit Stöcken und Peitschen geschlagen und Männer, deren Bart oder Kopfhaare abrasiert waren, wurden von den Taliban fast zu Tode geprügelt.“

Während des Telefongesprächs über die Lage in Afghanistan seufzte sie tief, genau wie damals, als sie über ihren Sohn sprach. Sie sagte, Parvaneh, meine eigenen Leiden sollen mich nicht quälen und töten, das Leid Afghanistans quält und tötet mich, dann weinte sie bitter. Der Geruch von Auberginen, Kardamom, Zimt, Kreuzkümmel und Safran von „Qabili Palau“ und das Geräusch von Peitschen und dem Geschrei von Frauen und Männern wirbeln in meinem Kopf und der Kummer lässt mich nicht los.

Ich denke an all die Zeiten, in denen wir im Iran gekämpft haben, wir haben für unsere Weiblichkeit gekämpft, wir haben gegen Mullahs für unsere Freiheit gekämpft. Wir haben für unser Überleben und unsere Rechte gekämpft. Wir haben für das einfache, in allen Ländern sehr alltägliche Recht gekämpft, unsere Haare im Wind flattern zu lassen. Unsere Frauen kämpfen immer noch, vielleicht sind iranische Frauen die mutigsten Frauen der Welt.

Dies ist vielleicht der Herzschmerz einer Frau, den du verstehen könntest, die auf den menschenvollen Straßen scheinbar friedlich und sorglos unter den Menschen geht, aber in ihrem Herzen und in ihrem Kopf Krieg führt, einen ungleichen Kampf gegen die schrecklichen Schatten der Regierung, gegen die Milizen von Mullahs. Der Kampf der jungen Frauen und die blühenden Knospen deines Landes für ein gewöhnliches normales Leben und Blühen.

Wir Menschen aller Welt gehören zu einem Land und zu einer Erde. Unsere Erde ist eins, unser Himmel ist eins. Keiner von uns hat gewählt, wo wir geboren werden sollen. Aber einige von uns werden, ohne zu wollen, inmitten des Leidens unseres Landes geboren. Wenn wir geboren werden, legt sich unser Land wie ein Berg des Leidens und der Schmerzen auf unsere Schultern und wir tragen ihn mit uns herum. Mit diesem Berg des Kummers und Leidens werden wir zusammen groß, verlieben uns, lachen und weinen.

Wenn nur die Menschen, die an uns vorbeigehen, verstehen könnten, was es bedeutet, aus dem eigenen Land vertrieben zu werden!

Wenn nur Männer und Frauen auf der Welt die Schreie der iranischen Frauen hören könnten. Wir kämpfen. Vielleicht wird der Wind die Schreie und Stimmen der gefangenen Frauen in den verrotteten Fesseln der mittelalterlichen Gedanken zu den Ohren aller Menschen auf der Welt tragen. Wir sind die verschollenen Briefe, die ungelesenen Briefe in der Geschichte der Welt. Schreibt für uns, schreit mit uns. Die Stimme der Unterstützung der freien Welt wird uns stärken.

Aus dem Persischen übersetzt von Ali Abdollahi.