Vahid Omidi

Über mich:

Vahid Omidi, ein afghanischer Filmemacher, lebt derzeit in Mecklenburg-Vorpommern. Er hat sein Architekturstudium in Herat, Afghanistan, abgeschlossen. Omidi begann seine Karriere als Filmemacher im Jahr 1390 (islamische Zeitrechnung) und hat bisher 11 Kurzfilme sowie einen halblangen Film namens „Traumweber“ produziert. Er hat mehrere Auszeichnungen von verschiedenen Filmfestivals erhalten und wurde kürzlich für seinen Film „Der Fischer“ beim 41. FILMSCHOOLFEST MUNICH ausgezeichnet.

Originaltext

Übersetzung

Normalerweise ist für mich der schwierigste Teil des Schreibens, dem Faulsein entgegenzuwirken; das heißt, keine Ausreden zu finden, sich am Schreibtisch hinzusetzen und endlich zu schreiben! Zum Beispiel frage ich mich, wenn ich anfange, einen Text zu schreiben, womit ich jetzt anfangen soll. Ich habe mit mir selbst eine ernste Auseinandersetzung! Natürlich weiß ich, dass dies für mich nur eine Ausrede ist, um nicht zu schreiben und den Schreibtisch zu verlassen, aber manchmal überwinde ich den Dämon der Faulheit in mir und stelle mir ein Leben vor, das jederzeit enden könnte und zwinge mich dazu anzufangen, meine verwirrten Gedanken aufzuschreiben!

Obwohl ich freilich in etwa eine Vorstellung im Kopf habe, habe ich bis jetzt noch keinen klaren Gedanken oder eine Idee, wo ich anfangen soll, aber ich muss sowieso irgendwo anfangen. Dieses Mal begann ich mit leeren Worte und dem Schreiben von irrelevanten Wörtern, damit die Wörter, die ich eigentlich schreiben sollte, auf die Seite fließen können. Ich hoffe, Sie akzeptieren diesen eher emotionslosen Start. Vielleicht möchte ich, dass die Seiten meines Briefs länger werden! Oder vielleicht ist das Ergebnis meines ständigen mentalen Hin- und Herlaufens, dass ich so viel rede; oder die inneren Konflikte, die mich im ganzen Leben hierher begleitet haben, sind das Ergebnis meines inneren Kampfes, der wahrscheinlich bis zum Ende meiner Zeit in mir bleiben wird! Ein Teil dieses inneren Konflikts sind vielleicht die Fragen, die ich mir immer gestellt habe und immer noch stelle, nämlich was die Wahrheit ist? Was ist das Geheimnis unseres menschlichen Daseins? Gibt es überhaupt einen Gott? Welche Menschen haben recht und welche Wege sind die richtigen? Wie soll ich in diesem kurzen Leben so korrekt leben, um Erlösung zu finden? Welcher Glaube ist richtig? Welche Ideologie? Welches System ist für den Menschen geeignet? Gibt es überhaupt irgendein Leben nach dem Tod? Warum akzeptieren Menschen manchmal einander nicht? Warum kämpfen sie seit Jahrhunderten miteinander? Warum können wir keine Welt schaffen, in der alle in Frieden und Harmonie leben können? Wozu haben wir Grenzen zwischen uns gezogen! Und während wir in der Geschichte voranschreiten, werden die Grenzen zwischen den Menschen immer größer? Werden die Menschen der zukünftigen Jahrhunderte mit Staunen auf unsere Taten blicken oder wird die Schönheit dieser Erde in den kommenden Jahrhunderten nicht mehr existieren? Eine schöne Erde, deren Ressourcen für alle ausreichend erscheinen, warum können alle Teile der Erde und ihre Ressourcen nicht allen Menschen gehören? Und Tausende Fragen, die mich derzeit in die Irre führen. Oder ich habe vielleicht, nach einem persischen Sprichwort, meinen Kopf in den Schnee gesteckt! Denn ich lebe in einer Welt, in der zu diesem Zeitpunkt an verschiedenen Orten viel Unrecht den Menschen angetan wird. Empfinde ich aber etwas anderes als Bedauern!?

Diese Fragen haben mich dazu gebracht, die Augen nur auf jene Ecken der Welt zu richten, wo das eigene Wohlbefinden von mir und meinen Lieben verbessert wird – ist das überhaupt richtig?! Gehören alle anderen Menschen auf der Welt, bzw. meinen Mitmenschen nicht zu meinen lieben Verwandten?

Jedenfalls darf ich nicht vergessen, dass alles, was ich hier schreibe, eigentlich ein Brief sein sollte und zwar an jemanden, den ich nicht persönlich kenne, der aber in Deutschland wohnt. In meinem Land, in Afghanistan und in meiner Heimatstadt Herat beginnt man einen Brief oft so: Mit vielen Grüßen und bestem Segen an…. Aber ich sollte jetzt wenigstens wie folgend anfangen:

Liebe Grüße und herzliche Segenswünsche an einen unbekannten lieben Menschen! Diese Worte sind als Brief an Dich gedacht, lieber Unbekannter, lieber freundlicher Fremder, lieber unbekannter Freund. Entschuldige bitte das sinnlose kopfzerbrechende Gerede. Aber ich fühle mich als Dein Gast und es ist sehr wichtig, dass der Gastgeber ein wenig über die inneren Gefühle seines Gastes weiß. Ich danke Dir, danke Deutschland. Seit langem habe ich darüber nachgedacht, wie ich meine Dankbarkeit fürs Land und die Situation von mir zum Ausdruck bringen kann. Wie kann ich Dir, Deutschland, dafür danken, auch Deinen Leuten, die mir die Gelegenheit zum Leben gegeben haben! Von all den Ländern, in denen ich in den letzten dreißig Jahren gelebt habe, habe ich nur hier das beste Gefühl. Ich wurde als Flüchtling im Iran, in der Stadt Mashhad geboren, aber ich war und bin niemals ein Iraner gewesen. War es vor Hunderten Jahren auch so? Der berühmte Dichter Maulana, der bei euch als Rumi bekannt ist, wurde in der Stadt Balkh (im heutigen Afghanistan) geboren und starb in Konya (in der heutigen Türkei). Wurde während seines Lebens aufgrund seiner Worte auf ihn geachtet oder darauf, wer er war und wovon er stammt und was seine Nationalität war?! Wurde Rumi immer als Fremder für die Türken angesehen? Aber leider ist das heute so geworden und ich habe mich im Iran immer als einen Anderen bzw. als einen Fremden gefühlt. Leider hatte ich nicht die gleiche Gelegenheiten und Möglichkeiten, von denen meine iranischen Freunde profitiert haben! Ich erinnere mich daran, dass mir, obwohl ich noch keine offizielle Schulberechtigung hatte und als achtjähriges Kind gesetzlich nicht zur Schule gehen durfte, ein freundliche Schuldirektor durch seinen Widerstand gegen das Gesetz die Möglichkeit gab, zur Schule zu gehen, eine Gelegenheit, die viele andere nicht hatten. Aber jetzt danke ich Deutschland, wo die Bildung von Kindern eine Aufgabe und Pflicht ist. Aufgrund meiner bitteren Erfahrungen und Probleme, mit denen ich als Flüchtling im Iran konfrontiert war, wünsche ich mir, dass, wenn ich einmal Kinder habe, meine Kinder nie in solchen Umständen auf die Welt kommen und aufwachsen! Da ich mich sehr für das Filmemachen interessiere, war die schöne Aussage des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami immer meine Motivation, in mein Heimatland zurückzukehren. Kiarostami sagt einmal: „Wenn man einen Baum, der im Boden wurzelt, von dem vertrauten Ort an einen anderen Ort bewegt, gibt er keine Früchte mehr, und wenn er Früchte gibt, sind diese Früchte nicht so gut wie jene, die er in seinem Mutterland geben kann. Das ist ein Naturgesetz. „Ich denke, wenn ich mein Land verlassen hätte, wäre ich genauso wie dieser Baum.“

Nach über zwanzig Jahre Leben mit all den Freunden und den bitteren sowie süßen Erinnerungen im Iran, wurde mir die Erlaubnis verweigert, an der staatlichen Aufnahmeprüfung der iranischen Universitäten im Jahr 2009 teilzunehmen. Dann kehrte ich mit tausend Hoffnungen in mein Land, nach Afghanistan zurück, wo ich endlich sagen konnte, hier gehöre hin. Seit dem Tag, an dem ich afghanischen Boden betrat, hatte ich mir für die nächsten sechzig Jahre klare Vorstellungen und Pläne gemacht. Ich würde eine Familie gründen – nie hätte ich gedacht, wieder die Erfahrung der Migration zu machen. Ich stellte mir vor: Dort würde ich einen Bauernhof anlegen, dort würde ich Rosen, Pistazien und Safran anbauen und in einer Ecke des Bauernhofs ein kleines, einfaches und friedliches Zuhause bauen. Dann würde ich dort in meiner Einsamkeit schreiben, Filme machen und mit meiner Familie in Ruhe und Sicherheit leben. Aber leider war ich in meinem eigenen Land in Afghanistan sogar fremder als im Iran und die Menschen meines Landes betrachteten mich mit anderen Augen! Sie waren alle meine Landsleute, das Land, in dem meine Vorfahren gelebt hatten, war mir fremd! Die Lage, die Geografie und die Natur waren liebenswert für mich, aber die Jahre der Migration haben mich zu einem Fremden gemacht und einige ihrer Bräuche und Traditionen erschienen mir wertlos. Ich fühlte mich dort immer noch fremd! Dann kamen mir Fragen in den Sinn, wo ist eigentlich die Heimat von einem? Was ist die Identität? Wo kann man von zu Hause sprechen? Waren die Menschen vor Hunderten von Jahren wie heute, wo man Grenzen gezogen hat? Oder reisten sie alle frei umher? Hat das kurze Leben der Menschen einen Wert, wenn wir einander das Recht auf ein gutes Leben vorenthalten? Der Iran hat mir auch ein ruhiges Leben vorenthalten! Ich war zufrieden damit, im Iran zu sein, ich hatte gute Freunde dort, ich war dort aufgewachsen und hatte viel gelernt und die meiste Zeit meines Lebens dort verbracht, aber eines Tages erkannte ich, dass der Iran nicht mein Platz war und ich nicht einmal das Recht hatte, mein eigenes Geld von der Bank abzuheben! Denn das ständige Problem der Flüchtlinge hatte einem Bankangestellten einen Vorwand gegeben, mir zu verbieten, Geld abzuheben, als ich es dringend brauchte! An diesem Tag beschloss ich, für immer den Iran zu verlassen und nach Kiarostamis Worten in meinem Land Fuß zu fassen. Ich machte mich auf den Weg, aber dort begegnete man mir sehr feindlich! Jetzt danke ich Deutschland, einem Land, das mich aufgenommen, wertschätzt und mir Wachstumsmöglichkeiten geboten hat. Es ist wahr, dass sich mein Wunsch nicht erfüllt hat und meine Kinder in der Migration aufwachsen, aber jetzt spielen sie zumindest hier in Deutschland in Ruhe. Hier haben alle Kinder die gleichen Chancen, im Gegensatz zum Iran oder Afghanistan, hier gibt es keine unschuldigen Kinder-Blumenverkäufer, die sehnsüchtig auf die Kinder ihres Alters im Auto schauen! Hier werden Kinder unterstützt, es gibt keine sogenannten Kinderarbeiter. Die Kinder gestalten die Zukunft dieser Welt. Das ist etwas, das ich noch nie in meinem Leben und an keinem anderen Ort der Welt, an dem ich je war, erlebt habe. Es gibt auch viele andere gute Dinge und natürlich gibt es auch einige Mängel, über die zu lesen Sie, liebe Leser*innen vielleicht keine Geduld haben. Es wäre vielleicht genug zu betonen, dass hier alle dabei sind, die möglichen Probleme zu lösen. Seit ich hier bin, denke ich mehr darüber nach, betrachte die Welt und ihre Ereignisse mit anderen Augen. Ein gutes Bewusstsein hat mich gelehrt, dass die Menschheit so lange Fortschritte macht, wie sie keinen Vorurteilen unterliegt und frei denkt. Für all diese guten Gefühle, Freiheit und Chancen, die du mir gegeben hast, danke Deutschland, aber in mir schlummern zugleich einige verborgene Ängste!

Ich danke dem Land, das mich als Gast aufgenommen hat! Vielleicht habe ich das Wort „Gast“ hier verwendet, um mich irgendwie selbst zu erkennen und meine Situation zu definieren. Man nennt jemanden den Gast, der für eine Weile in einem Ort lebt und letztendlich nach Hause zurückkehren wird. Aber anscheinend habe ich keinen Ort und kein Land mehr zum Zurückzukehren. Außerdem hat niemand mich jemals hier als Gast bezeichnet. In meiner Kindheit, als wir zu einer Party gingen, kehrten wir schließlich nach Hause zurück, denn Zuhause ist der sicherste Ort auf der Welt! Wo ist mein Zuhause? Wo auf der Welt ist es mir am sichersten? Es ist nicht der Ort, an dem ich geboren wurde. Mein Zuhause ist jetzt ein Ort, an dem ich mich mit meinen Lieben sicher fühle. Auch wenn mich bisher niemand als Gast bezeichnet hat, haben mich meine freundlichen und menschlichen Gastgeber mit ihrem Lächeln, ihrer Unterstützung und ihrem Ermutigen dazu gebracht, mich in ihre Gemeinschaft zu integrieren. Daher danke ich immer wieder Dir, Deutschland!

Aber eine schwache Angst in mir quält mich oft, ob das neue Zuhause, das ich mir wünsche, wirklich sicher ist. Ich versuche, diese Angst nicht zu sehr zu bedenken, ich versuche, meine Gegenwart nicht wegen einer ungewissen Zukunft zu ruinieren. Aber woher kommt eigentlich diese Angst in mir? Heute ist mein Zuhause hier! Weil meine Familie hier Ruhe gefunden hat. Oder denke ich vielleicht nur so, weil meine Familie hier Ruhe gefunden hat! Auf jeden Fall ist Deutschland, das Land der Deutschen, ein Ort, von dem ich niemals zurückkehren möchte! Diese Angst könnte daher kommen, dass das Wort „Ausländer“ in meinem Kopf ein Etikett trägt. Diese Woche habe ich ein Video in den Sozialen Medien gesehen. Inmitten eines Lied in einem Club in Deutschland hörte man das Motto „Ausländer raus!“ “ Ausländer raus!“ im Hintergrund.

Ich erinnere mich an einen Podcast über die Neandertaler, den ich vor langer Zeit gehört habe- jene humanoiden Wesen, deren Spezies ausgestorben ist und die ihren Namen von dem Neandertal in Deutschland haben, wo sie entdeckt wurden. In diesem Podcast wurde darauf hingewiesen, dass die meisten Bewohner Europas früher in den äquatorialen Regionen Afrikas lebten und nach der Entdeckung des Feuers und der Fähigkeit, sich gegen die Kälte zu verteidigen, nach Europa und Asien migrierten. Ich habe mir gesagt, wir Menschen sind eigentlich alle Migranten: Einer kam vor Tausenden von Jahren in eine Region, ein anderer ist vielleicht erst vor ein paar Jahren angekommen! Einige haben Tausende von Kilometern zurückgelegt, andere vielleicht nur ein paar Kilometer. Moses und die Israeliten migrierten, um zu überleben; Mohammed schuf mit seiner Migration die Geschichte des Islam; Napoleon Bonaparte, der Kaiser von Frankreich, war selbst ein Italiener; Albert Einstein musste migrieren, um zu überleben. Wie viele Menschen migrierten aus Ostdeutschland in den Westen? Wir alle sind im Laufe der Geschichte an einen besseren Ort gezogen, um zu leben und sind von einem Ort, an dem wir uns nicht sicher fühlten und unser Leben bedroht war, zu einem neuen Zuhause gegangen und niemand verlässt sein sicheres Zuhause, es sei denn, er wird dazu gezwungen.

Die Erde ist von oben betrachtet durchgehend grün und blau und es gibt von da keine klaren Grenzen zu sehen! Grenzen haben wir Menschen geschaffen. Aber wenn wir unsere Unterschiede akzeptieren, können wir ohne Grenzen miteinander leben. Ich wünsche mir, dass die Welt von Tag zu Tag besser wird, und uns Vernunft und Weisheit wie in der Vergangenheit dabei helfen, damit wir es begreifen, jede Ecke auf der Welt ist sicher und ein Zuhause für uns alle! An dich schreibe ich lieber Unbekannter, lieber gutmütiger Freund, ich danke Dir für die kostbare Zeit, die du mir gewidmet hast. Deutschland, du wunderschönes Land, ich danke Dir für mein sicheres Zuhause, das du mir gegeben hast! Ich hoffe, dass ich mir in Zukunft nicht mehr die Frage stellen muss, bis wann dieses Zuhause mir sicher ist. Aber wenn ich eines Tages von hier weggehen muss, werde ich weiterhin sagen: „Dankeschön Deutschland!“

Aus dem Persischen übersetzt von Ali Abdollahi.